Albanien, Blumen & Flamingos

Als ich in Tirana ankomme, bemerke ich wie üppig ich die Stadt erlebe. Man sieht hier überall Blumenläden. Außerdem verkaufen Frauen ihre eigenen Blumen aus dem Garten an der Straße. Vor dem Barbershop krächzt ein Papagei. Auf der Dachterrasse meines Hotels, höre ich die Vögel, die rundum in den Bäumen sitzen. Der Duft von Jasmin erreicht mich immer wieder und holt mich völlig in den Moment - auch wenn gerade der Lärm der Autos noch überwogen hat. Ein riesiger Feigenbaum wächst in einer Seitenstraße, die von sozialistischer Architektur und Wäsche geprägt ist. Am Morgen nach einen starken Gewitter, sehe ich einige Frauen die Blüten des Oleanders auffegen, die überall auf die Wege gefallen sind. Eine Frau hat sich einen Besen aus frischen Zweigen gebunden. Abends gehe ich zu den jetzt täglich stattfindenden Demos, die in einigen Tagen Flamingo-Revolution heißen werden. Und dann treffe ich S., die gerade einen Bildungsurlaub in Tirana macht und mit ihren neuesten Informationen zum Protest, aus ihren täglichen Vorträgen und Besuchen örtlicher Initiativen, mein Verständnis vertieft.. 

Am Busbahnhof von Tirana gibt es keine für mich erkennbare Orientierung, ich kann mich jedoch auf die Freundlichkeit verlassen und werde mehrfach angesprochen und mit Hinweisen zu meinem Bus versorgt. Und während der mehrstündigen Fahrt an die Riviera geht der Busfahrer durch den ganzen Bus und fragt die Reisenden, wo sie aussteigen möchten.
In den Orten, die ich besuche, lese ich Geschichte: alte Dörfer sind verlassen, neue Orte an der Riviera aus dem Boden gestampft. Verlassene Betonrohbauten, exklusiver Lifestyle - alles nebeneinander und mit türkischem Eis und griechischen Worten. Als Gast kann ich den Strand genießen, rausschwimmen im türkisblauen Wasser, mich treiben lassen, ankommen wo ich bin. Ich finde die Orte erstaunlich und schön und erlebenswert. Dabei navigiere ich mit meiner kreativen Praxis: Fotografieren, skribbeln, die sich wiederholenden Muster aufnehmen, die Formen der Pflanzen betrachten, die Reflektionen im Wasser bei unterschiedlichem Licht, die Süße der Tomaten schmecken, die Menschen sehen.

Albanien war bis in die 40er Jahre beispielhaft für Multikultur und Multireligiösität. Noch bis in die 1912 Jahre war es zugehörig zum osmanischen Reich. Die Wurzeln sind auch nach 40 Jahren Diktatur und dem Verbot von Religionen unter Enver Hoxha spürbar. Einige Orte an der Albanischen Riviera wurden als griechische Minderheitenzonen deklariert, hier durfte Kultur und Sprache gelebt werden. Außerhalb der Zonen war dies unter Strafe verboten. Die Grenzen des Landes waren komplett abgeriegelt. Hoxha hatte eine enge Bindung an Stalin bis zu dessen Tod, von 1961 bis 1978 Support aus China, und führt in den 80er Jahren das Land in eine außenpolitische Isolation. Nach der Öffnung in 1991 flüchteten viele der griechischen Albaner nach Griechenland, ganze Orte wurden verlassen. Weitere Minderheitenzonen "schützten" die mazedonische und die montenegrinische Minderheit. Roma genossen keinen Schutz ihrer Kultur und Sprache und auch kein "Mutterland" als Ziel der Flucht in 1991 und viele verarmten nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems.
Ich hatte die Bilder der überfüllten Schiffe der flüchtenden Albaner in den italienischen Häfen, vergessen. Sie traten mir wieder lebendig in Erinnerung, als ich die Fotos jetzt sah.

Auf meiner letzten Station in der Hafenstadt Sarande erlebe ich ein wenig dieser Vielfalt. Der Gesang des Muezzin weht in unser Zimmer und ich lese die letzten Kapitel des Buches "Frei" von Lea Ypi. Sie berichtet am Ende des Buches vom Chaos in 1997 und ich bereue, dass ich das Buch nicht vor der Reise las. Das hätte mehr Verständnis für die Lebensumstände der Menschen, die mir begegnet sind, eröffnet. Erst jetzt am Ende der Reise, nach und nach finde ich überhaupt meine Fragen. Und als jemand uns vom Einfluß des Bektaschi-Ordens in seiner Familie erzählt, erahne ich, wie wenig ich weiß.

Collage gesehen im Muzeu i Traditës in Sarandë

Im Museum der Traditionen in Saranda finde ich zwei kleine Collagen, aus Blüten und Gräsern hergestellt, die mir eine Idee vermitteln von jemand, der/die sich mit einigen Materialien aus dem Garten Ausdruck verschafft. Daneben traditionelle Kleidung und Fotos von Mitarbeitenden in der Seifenfabrik oder der Fischerei. Die besten Schwimmer:innen der Region werden in einer Sonderausstellung gewürdigt. Ich bin froh diese Ausstellungen sehen zu können. In Tirana habe ich nichts gefunden, was mir diese Ebene von Kultur nahe gebracht hat. Die Ausstellungen dort erinnern an Bunker, an den Geheimdienst während der Diktatur und an Enver Hoxha.

"Ihr sagt ihr genießt das Land und habt eine schönen Urlaub hier," sagt der Taxifahrer. "Aber ihr habt keine Ahnung, was hier los ist." Das trifft meinen Eindruck. In den Dokumentationen, die ich hier verlinke wird gezeigt, dass Menschen der Generation des Taxifahrers ihre Freunde vermisst, die ausgewandert sind. Die Flamingo-Aktivisten demonstrieren, während ich dies schreibe, bereits den 22. Tag in Folge. Sie kämpfen für eine Regierung, die sich um eine gute Wasserversorgung kümmert, um kontinuierliche Elektrizität, um Naturschutz und Gerechtigkeit. Der Protest richtet sich natürlich gegen die Investoren, aber vor allem auch gegen die Korruption im eigenen System. 

Jagoda Marinic und Luisa Neubauer über die Flamingo Revolution

Geschichte Albaniens

Wunderschön! WDR Tourismus in Albanien

Weiter
Weiter

Intention